
Im Green Tech Hub im Allgäu arbeiten junge GreenTech-Unternehmen daran, aus nachhaltigen Ideen marktfähige Lösungen zu machen. Beim ersten Demo Day im März 2026 zeigte sich dabei ein grundsätzliches Problem: Nicht die Ideen fehlen, sondern die Strukturen, die Innovationen wachsen lassen.
Die nachhaltige Transformation wird oft als Frage großer Erzählungen behandelt. Die zentralen Begriffe sind Klimaziele, Energiewende oder Kreislaufwirtschaft. Am Ende hängt sie aber an etwas Unspektakulärem, nämlich an konkreten Industrie-Innovationen, neuen Materialien, besseren Bauteilen und effizienteren Prozessen. An praktischen Lösungen, die jemand entwickeln, skalieren und finanzieren muss.
Genau hier zeigt sich, wo Deutschland steht und wo Lücken klaffen, die sich mit „mehr Ideen“ allein nicht schließen lassen. Diese Lücken haben eine messbare Größenordnung: Laut dem GreenTech Monitor 2026 des Startupverbands fehlen deutschen GreenTech-Startups gegenüber ihren US-Wettbewerbern allein im Energiesegment rund 500 Millionen Euro pro Jahr; über den ganzen GreenTech-Sektor sind es mehr als eine Milliarde Euro. Gleichzeitig brechen die Neugründungen ein.
Wie diese Lücke konkret aussieht und welche Konsequenzen sie hat, lässt sich an Veranstaltungen wie dem Demo Day des Green Tech Hub im Allgäu beobachten, einem Innovationscampus, der 2025 am Flughafen Memmingen von Mittelständlern aus der Region aufgebaut wurde: Alois Müller Gruppe, Südpack, Reisacher und Kutter. Im März 2026 traten dort fünf Startups aus dem sechsmonatigen Accelerator-Programm gegeneinander an, darunter das Allgäuer Bremsscheiben-Startup Nepsos, das am Ende des Abends als „Bestes Startup“ ausgezeichnet wurde. In der Jury saß auch Dr. Florian Wedlich, Leiter Unternehmensentwicklung der UmweltBank.
Eine Bank in der Jury eines Startup-Pitch-Wettbewerbs ist erklärungsbedürftig. Die UmweltBank finanziert seit fast 30 Jahren ausschließlich erneuerbare Energien und nachhaltige Immobilien. Sie steht in keiner Geschäftsverbindung zu den am Demo Day präsentierten Startups. Wedlich war an diesem Abend nicht als möglicher Finanzier dabei, sondern als Beobachter eines Felds, in dem die UmweltBank lange Erfahrung mit nachhaltigen Geschäftsmodellen hat. Genau in dieser Distanz liegt ein interessanter Blick.
Worauf es bei nachhaltigen Innovationen ankommt
Bewertet wurden die Pitches nach drei Dimensionen: Pitch-Qualität, Produkt-Market-Fit und Progress, also der Reifegrad, den die Teams im Accelerator bis Januar 2026 erreicht hatten. Diese formalen Kriterien ergänzt Wedlich für sich um eine eigene Haltung:
Mir war als Jurymitglied vor allem wichtig: dass die Pitches Ökonomie und Ökologie zusammenbringen – also eine klare ökologische Wirkung, ein tragfähiges Geschäftsmodell und ein Team, dem man die Umsetzung zutraut. Ein weiteres Kriterium war für mich die Geschwindigkeit – in welcher Zeit hat ein Team welchen Reifegrad erreicht? Überzeugend wurde ein Pitch dann, wenn der Hebel konkret war – sei es Emissionsreduktion oder Materialeffizienz – und wenn nachvollziehbar wurde, wie aus dieser Wirkung ein finanzierbares Geschäft entsteht.
Dr. Florian Wedlich Leiter Unternehmenskommunikation bei der UmweltBank
Konkrete Wirkung, tragfähiges Modell, schnelle Umsetzung – ein Dreiklang, der weit über einen Pitch-Wettbewerb hinausreicht. Er beschreibt, was nachhaltige Innovation in Deutschland strukturell leisten muss, wenn aus ihr mehr werden soll als ein weiteres Förder-Projekt.
Nachhaltige Transformation steckt oft im industriellen Detail
Wie das aussehen kann, zeigt das ausgezeichnete Allgäuer Startup Nepsos exemplarisch. Drei Gründer mit Hintergrund aus Automotive, Fertigung und Finance entwickeln Bremsscheiben aus einem patentierten Verbundwerkstoff. Die Scheibe ist nach Unternehmensangaben rund 60 Prozent leichter als heutige Graugussbremsen und korrosionsfrei. Vor allem aber reduziert sie den Feinstaub aus Bremsabrieb um mehr als 80 Prozent. Letzteres ist kein Nebenschauplatz: Bremsabrieb verursacht bis zu 20 Prozent der verkehrsbedingten Feinstaubemissionen. Mit Euro 7, der neuen EU-Abgasnorm, gelten erstmals auch verbindliche Grenzwerte für Bremspartikel-Emissionen.
Mitgründer Marco Eichberger beschreibt die Motivation hinter dem Unternehmen so:
Die ursprüngliche Motivation hinter Nepsos war die Frage, warum Bremssysteme technologisch seit Jahrzehnten nahezu unverändert geblieben sind, obwohl sie gleichzeitig eine der größten nicht-motorischen Emissionsquellen im Fahrzeug darstellen. Gerade mit Blick auf Euro 7 war für uns klar, dass hier ein massiver Innovationsbedarf entsteht.
Marco Eichberger Mitgründer des Startups Nepsos
Ein Bremssystem also – nicht das, was üblicherweise unter „grüner Innovation“ verbucht wird. Und doch entscheidet sich gerade in solchen unscheinbaren industriellen Details ein nennenswerter Teil der nachhaltigen Transformation: in Materialien, in Komponenten, in Verfahren, die selten in Schlagzeilen landen, aber in der Summe Wirkung entfalten.
Sichtbarkeit, Vertrauen, Zugang
Solche industriellen DeepTech-Innovationen sind kein klassisches Pitch-Material. Ihre technische Tiefe lässt sich nicht in zwei Folien zusammenfassen, und bis aus ihnen ein marktreifes Produkt wird, dauert es Jahre. Sie brauchen Formate, in denen sie überhaupt sichtbar werden, und Räume, in denen ihnen jemand ernsthaft zuhört. „Für ein DeepTech-Startup wie Nepsos sind Plattformen wie der GT Hub extrem wichtig, weil komplexe industrielle Technologien oft erklärungsbedürftig sind und lange Entwicklungszyklen haben. Solche Formate schaffen die Möglichkeit, Vertrauen aufzubauen und mit Investoren, Industriepartnern und Experten direkt in den Austausch zu kommen“, erklärt Eichberger.
Initiativen wie der GT Hub Allgäu – mit über 5.000 Quadratmetern Fläche, Werkstätten und Laboren am Flughafen Memmingen – sind genau auf diese Lücke zugeschnitten. Aber gemessen am Bedarf sind sie noch zu selten. Sichtbarkeit, Vertrauen und direkter Zugang zu Industriepartnern, Investoren und Forschung sind Selbstverständlichkeiten, die GreenTech-Startups in Deutschland nicht in dem Maße vorfinden wie ihre Wettbewerber in den USA oder Frankreich.
Die Lücke wird messbar
Wie groß die Differenz wirklich ist, lässt sich am GreenTech Monitor 2026 des Startupverbands ablesen. Rund 2.900 GreenTech-Startups gibt es in Deutschland, zwei Drittel davon forschungsbasiert, 62 Prozent von Hochschulen unterstützt. Drei Viertel der Gründer:innen halten Deutschland weiterhin für den attraktivsten Standort Europas. Die Basis stimmt also.
Die Finanzierung tut es nicht. Zwischen 2021 und 2025 flossen in den USA rund 46 Milliarden Euro in Energie-Startups; in Deutschland waren es knapp 6 Milliarden. Vom Höchststand 545 neuer GreenTech-Gründungen im Jahr 2021 sank die Zahl 2025 auf 312. Das Potenzial ist da. Es zu heben, scheitert an anderer Stelle. Florian Wedlich zieht aus seiner Beteiligung als Jurymitglied am Demo Day genau dieses Fazit:
Der Demo Day hat mir gezeigt, wie viel Substanz in den jungen GreenTech-Unternehmen steckt – gerade bei Kreislaufwirtschaft und CO₂-Reduktion ist die Tiefe der Lösungen beeindruckend. Was mich gleichzeitig nachdenklich macht: Die Umsetzungsgeschwindigkeit leidet darunter, dass viele dieser Teams zu lange auf Kapital und verlässliche Rahmenbedingungen warten. Wenn wir wollen, dass aus Ideen auch Skalierungserfolge werden, müssen Politik, Mittelstand und Finanzwirtschaft an genau dieser Stelle besser zusammenarbeiten.
Dr. Florian Wedlich Leiter Unternehmenskommunikation bei der UmweltBank
Was die Finanzwirtschaft beitragen muss
Diese Forderung trifft die Finanzwirtschaft im Kern, aber nicht, weil dort der gute Wille fehlte. Die deutsche Bankenlandschaft ist durch eine ausgeprägte Risikokultur geprägt: Aufsicht, Regulatorik und Kapitalvorgaben sind sinnvolle Kontrollmechanismen, die Stabilität sichern und Anlegende schützen. Im Bereich der Innovationsfinanzierung wirken diese Mechanismen aber häufig hinderlich. Junge Technologieunternehmen mit unbewiesenem Geschäftsmodell passen schwer in das Raster klassischer Bankprüfung. Wachstumsfinanzierung in Größenordnungen, die mit den USA mithalten könnten, bleibt damit weitgehend Sache spezialisierter Venture-Capital-Häuser und öffentlicher Fördervehikel. Beides ist in Deutschland noch nicht so ausgebaut wie nötig.
Florian Wedlich bringt auf den Punkt, warum es ohne eine stärkere Rolle der Finanzwirtschaft nicht funktionieren wird:
Allein die Energiewende erfordert in Deutschland bis 2030 Investitionen in der Größenordnung von mehreren Hundert Milliarden Euro – Summen, die weder der Staat noch die Banken allein stemmen können. Es geht nur zusammen mit allen Stakeholdern – Staat, Gesellschaft und Banken. Es geht deshalb nicht nur darum, dass die Finanzwirtschaft ihre Rolle stärker annimmt, sondern auch darum, institutionellen wie privaten Investoren einen einfachen, klar regulierten Zugang zur Transformationsfinanzierung zu geben.
Dr. Florian Wedlich Leiter Unternehmenskommunikation bei der UmweltBank
Das Potenzial dafür ist da: in den rund 2.900 Startups, in den Förderformaten, in den regionalen Innovationszentren. Was fehlt, ist Kapital in der notwendigen Größenordnung. Und es fehlt die Bereitschaft der Finanzwirtschaft, junge nachhaltige Industrietechnologien aktiv mitzutragen, statt sie aus der Distanz zu beobachten. Wenn aus der breiten Basis tatsächlich eine Skalierungswelle werden soll, entscheidet sich das nicht in den großen Erzählungen, sondern in den Strukturen, die wir hinter ihnen aufbauen.
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