Der Holzmarkt in Berlin

Kiez der Zukunft 

In Großstädten wird es zunehmend schwerer, bezahlbaren Raum für Kunst und Kultur zu finden. Mit dem Holzmarkt entsteht in Berlin das neue Wohnzimmer der Künstlerszene. In dem genossenschaftlich organisierten Projekt werden Natur, Wirtschaft und Kultur zusammengedacht. Die UmweltBank finanziert den Mikrokosmos am Spreeufer.

Wandel spielt in der Geschichte Berlins wie wohl in keiner anderen Stadt in Deutschland eine große Rolle. Dies spiegelt sich in den vielfältigen Bezirken wie Friedrichshain, Kreuzberg und Mitte wider, die das Stadtbild maßgeblich prägen. Die Quartiere erfinden sich ständig neu und bleiben sich dabei doch stets treu. Nun entsteht inmitten dieser Stadtteile, direkt am Spreeufer ein neuer Kiez: Der Holzmarkt zeigt, dass Wandel und Nachhaltigkeit sich gut ergänzen. 

Die Planungen für das Projekt sind dabei so facettenreich wie Berlin selbst. Das 18.000 Quadratmeter große Gelände bietet Unterhaltung und Erholung, Wohnraum und Arbeitsplätze sowie viel Platz für Eigeninitiative und Beteiligung der Nutzer. 

Die legendäre Bar an der Spree 

Die Geschichte des Holzmarkts begann im Jahr 2004. Um dem ungenutzten Freiraum an der Spree Leben einzuhauchen, bauten ein paar junge Berliner aus einem Wohnwagen und alten Brettern eine Bar und stellten Musikboxen auf. Was als Bretterverschlag begann, entwickelte sich zu einem professionellen Barbetrieb mit Biergarten, Diskothek und Restaurant. Die legendäre Bar 25 war geboren und prägte in den kommenden sechs Jahren auf unvergleichbare Weise die Berliner Kulturszene. 

Weil der Eigentümer das Grundstück verkaufen wollte, musste die Strandbar schließen, doch die Betreiber erhielten die Chance, auf der anderen Seite der Spree weiterzumachen. Sie nutzten die Zeit und etablierten mit dem Kater Holzig einen Kulturbetrieb, der in Berlin erneut Maßstäbe setzte. Zwischenzeitlich sorgten auf dem Areal bis zu 140 Angestellte für das leibliche und kulturelle Wohl der Besucher. 

Begehrtes Spreeufer

Trotz oder vielleicht gerade durch den Erfolg des Kater Holzig – jeder Blick auf die andere Seite der Spree weckte in den Initiatoren der Bar 25 die Sehnsucht nach dem ehemaligen Gelände. 2012 stand das ungenutzte Areal schließlich zum Verkauf. Erneut ergriff die umtriebige Gründercrew die Chance. Mit ihrem genossenschaftlichen Konzept eines offenen und lebendigen Ortes zur Förderung von Kunst und Kultur setzten sie sich letztendlich gegen mehrere Großinvestoren durch. „Wir haben das Grundstück nicht bekommen, weil wir das meiste Geld geboten haben, sondern weil wir uns am intensivsten mit dem Grundstück auseinandergesetzt haben“, erklärt Mario Husten, Vorstand der Holzmarkt 25 Genossenschaft.

Das kleine Großstadtdorf

Herzstück des Holzmarkts bildet das sogenannte Dorf. Der lebendige Ort fungiert als Marktplatz des Quartiers und bietet gleichzeitig durch eine Vielzahl kleiner Kreativ- und Gewerbeeinheiten viel Raum für künstlerische Entfaltung. In Musik- und Aufnahmestudios arbeiten Künstler an ihren Werken. Die Artistenhalle bietet jungen selbstständigen Kreativen aus den Bereichen Artistik, Schauspiel und Tanz eine Plattform. Sie ist gleichermaßen Proberaum und bietet mehrere Galerien als Technik- und Umkleideräume. Darüber hinaus ermöglicht die Veranstaltungshalle Säälchen technisch komplexe Events, Produktionen, Kongresse, Messen und Firmenveranstaltungen mit bis zu 300 Gästen. Das Dorf deckt zudem einen Großteil des täglichen Bedarfs. Neben einem Bäcker und Bioladen bieten Händler, Frisöre sowie Handwerker ihre Dienste an. Sogar eine Kinder­tagesstätte entstand auf dem Areal. 

Kleinteiligkeit und Vielfalt prägen den Ort, ständiger Wandel wird als Chance verstanden. Raumeinheiten werden daher zum Teil bewusst zeitlich befristet vermietet. Die Holzmarkt-Genossenschaft achtet darauf, die richtige Mischung der Nutzer für ein lebendiges und funktionierendes Dorf zu finden. „Wichtig ist dabei nicht nur, was der Einzelne bereit ist beizutragen, sondern vielmehr was er bereit ist mit allen im Quartier zu teilen“, berichtet Husten.

Sonne, Sand und See statt Mediaspree

Am südlichen Eck des Holzmarktes lädt die Strandbar Pampa zum Kurzurlaub am Spreeufer ein. Selbst gezimmerte Buden versorgen die Besucher mit Essen und Trinken. Sofas und Hängematten sowie entspannte Musik im Hintergrund bieten einen Ausgleich zum hektischen Stadtalltag. Auch auf dem Gelände der Pampa spielt Kultur eine große Rolle. In der Mehrzweckhalle DingDongDom und auf dem Markt­platz kommen Groß und Klein bei Veranstaltungen von informativen Präsentationen bis zu Theater­auf­führungen auf ihre Kosten.

Das Areal ist auch ein Paradies für Familien mit Kindern. Diese können sich in einem Sandkasten und auf Rutschen austoben. Darüber hinaus gibt es für sie im Mörchenpark viel zu entdecken. Der weitläufige Park durchzieht den gesamten Holzmarkt. Viele ehrenamtliche Bürgerinnen und Bürger engagieren sich in diesem Projekt für ein grünes und lebendiges Spreeufer. Auf den Grünflächen am Boden entstehen Gemüse- und Schulgärten. Ebenfalls dient der Mörchenpark der Bildungs- und Wissensvermittlung. Pflanz- und Lehraktionen ermöglichen Einblicke in den ökologischen Anbau von Gemüse und Pflanzen.

Der Kater Holzig macht blau

Die Genossenschaft bleibt aber genauso ihren Wurzeln treu. Das neue Restaurant Katerschmaus verwöhnt seine Gäste direkt am Ufer der Spree mit kulinarischen Hochgenüssen in extravagantem Ambiente. In direkter Nachbarschaft knüpft der Club Kater Blau an die Tradition der Bar 25 an. Tag und Nacht laden die zwei Tanzflächen, aber auch das weitläufige Außenareal zum Tanzen und Feiern ein. 

Das Ensemble wird zukünftig durch ein Hotel abgerundet. Die Unterkunft ist dabei so vielfältig wie der Holzmarkt selbst. Von einfachen Zimmern im Jugendherbergsstil über hochwertige Suiten bis zu Apartments für temporäres Wohnen entstehen Zimmer für verschiedenste Bedürfnisse. 

Gewinn für das Gemeinwohl 

Auf dem Holzmarkt werden Natur, Wirtschaft und Kultur zusammengedacht. Die Genossenschaft legt bei der Umsetzung des Projekts hohen Wert darauf, dass Gewinn als ganzheit­liches Konzept verstanden und nicht rein finanziell definiert wird. Vielmehr spielt das Gemeinwohl eine übergeordnete Rolle. Ziel ist es, einen Mehrwert für die Stadt und ihre Bürger zu schaffen und nicht nur Geld zu erwirtschaften. 

Die UmweltBank finanziert das genossenschaftliche Vorzeigeprojekt. Beim Bau werden, soweit möglich, recycelte Materialien aus der Region verwendet. Baustoffe wie schwarzer Schiefer, rotes Wellblech und alte Scheunensteine bilden eine Symbiose mit moderner Street Art. Dabei kommen selbst Elemente, die bereits in der Bar 25 und im Kater Holzig verbaut waren, wieder zum Einsatz. Jedes Gebäude ist individuell gestaltet, wodurch das Quartier in seiner Gesamtheit selbst zum Kunstwerk wird. Durch einfaches, kostengünstiges und teilweise in Eigenleistung realisiertes Bauen stellt die Holzmarkt-Genossenschaft bezahlbare innerstädtische Mieten für Handwerker, Künstler und Kreative im Dorf sicher. 

Der Holzmarkt öffnet seine Tore

Pünktlich zum Tag der Arbeit, am 1. Mai 2017, feierte der Holzmarkt Eröffnung. Das Projekt der Macher der Bar 25 zog dabei so viele Menschen an, dass bereits mittags die Schlange vor dem Einlass einige hundert Meter lang war. 

Fertig ist das Projekt hingegen noch lange nicht – und das ist auch so gewollt! Denn die Entwicklung des Holzmarkts geschieht in Phasen, um einen kreativen Wandel zu ermöglichen. Dafür sind aktuell circa zehn Jahre veranschlagt, in denen die Bebauung sukzessive wachsen soll. „Ein baulicher Endzustand wird jedoch gar nicht angestrebt – alle Teile sollen einem stetigen Wandel unterliegen. Räume, Bauten und Konfigurationen ändern sich ständig – das Quartier erfindet sich permanent neu“, schwärmt Mario Husten. (op) «